Farewell, NaNoWriMo – und jetzt?

NaNoWriMo-Alternativen und Gedanken zum Ende der weltweiten Schreib-Challenge, zusammengetragen von Lily Magdalen

Ich sitze im ICE zwischen Stuttgart nach Hamburg. Die Landschaft zieht an mir vorbei, der Zug schaukelt angenehm, das WLAN reicht nicht ganz, um wirklich Unterhaltung beim Surfen zu finden. Es ist November, draußen liegt stellenweise Schnee auf den Höhenlagen. Ich erinnere mich an frühere Zugfahrten dieser Art – auf diesen hätte ich jetzt das Tischchen vor mir herunter- und meinen Laptop darauf aufgeklappt und wäre ins aktuelle Manuskript abgetaucht. Erst recht im November, die Gelegenheit nutzen, um das jeweilige Tagesziel im NaNoWriMo zu erreichen.

Den NaNoWriMo gibt es nicht mehr.

Ein Geständnis: Ich habe das erst vor Kurzem erfahren, hatte den NaNo, wie er liebevoll abgekürzt wurde, dieses Jahr nicht für mich auf dem Schirm. Ich glaube, es war in einem CoWorking-Stream von Anabelle Stehl, als mich die Worte „im ehemaligen NaNo” stutzig machten. Eine schnelle Recherche bestätigte es mir: Die Website ist down, der NaNoWriMo ist Geschichte, die dazugehörige Nonprofit hat sich aufgelöst (die Hintergründe hat Verena aka hanghuhn vom Blog flying thoughts gut aufbereitet).

Zusammenfassung

Die weltweite Schreib-Challenge NaNoWriMo (ein Manuskript von 50.000 Wörtern innerhalb des Monats November schreiben – also 1.667 Wörter am Tag) gibt es nicht mehr, die Website ist down, die dazugehörige Nonprofit hat sich aufgelöst.

Das könnten die Alternativen sein:
– Andere Online-Schreib-Challenges, wie zum Beispiel NaNo 2.0 (englischsprachig), Schreibmonat (deutschsprachig, noch klein) oder der Novel November von ProwritingAid (teilweise kostenpflichtig)
– Schreib-Communities beitreten, zum Beispiel über Discord oder Twitch
– eine eigene Schreib-Challenge als Alternative zum NaNoWriMo gründen
– sich mit anderen Schreibenden offline zum gemeinsamen Schreiben treffen
– das Kapitel NaNoWriMo abschließen und einfach keine Alternative dazu suchen

Meine eigene NaNoWriMo-Erfahrung

Anders als die Einleitung möglicherweise vermuten lässt, habe ich mehr NaNos ausgelassen als mitgeschrieben. Und dennoch hat mich die Nachricht, den NaNoWriMo gibt es nicht mehr, etwas nostalgisch gemacht. Denn ein kleines Bündel an NaNo-Erfahrungen gibt es, die hätte ich für nichts auf der Welt missen wollen.

Gewinnen am letzten Tag: das epische High-Fantasy-Projekt

Mein ältestes Romanprojekt ist ein High-Fantasy-Roman, den ich – fast schon klassisch – mit fünfzehn begonnen habe zu schreiben und den ich in meinen Zwanzigern noch einmal komplett von vorne begonnen habe. Im NaNoWriMo 2014 wollte ich es wissen. Beenden war nicht wirklich eine Option, dafür ist das Projekt zu lang. Aber um 50.000 Wörter wachsen, das sollte es.

Ich hatte unglaublich viel Freude an meinem ersten NaNo, ich nahm das Ganze sehr ernst, mein halbes Umfeld war eingeweiht und der Satz „Ich kann nicht, ich muss schreiben” sorgte kaum mehr für Verwunderung. Nur das Leben, das kam dazwischen – ich hinkte dem Wortziel hinterher, mit jedem Tag mehr. Am Ende waren es über 8.000, die mir noch fehlten.

Dann kam der letzte Tag. Und mit ihm packte mich eine Form von Biss, die ich seither erst ein Mal erneut erlebt hatte: Ich WOLLTE es, unbedingt, so richtig intrinsisch, unausweichlich. Und legte einen achtstündigen … nicht unbedingt Sprint, eher Marathon hin, kam nur für die allernötigsten Pausen aus meinem Zimmer.

Am Ende des Tages hatte ich sie, die 50.000! Stolz, erschöpft, mit überhitztem Kopf, der Roman noch immer weit weg von beendet.

Das Winner-Shirt, das ich mir in diesem benebelten Zustand fast automatisch bestellte, trage ich noch heute als Schlaf-Shirt.

Die ersten Schritte mit dem Novemberkönig

Ohne den NaNoWriMo gäbe es den Novemberkönig nicht – zumindest nicht in der jetzigen Form. Ich hätte das Manuskript zu einem anderen Zeitpunkt begonnen, und ohne das tägliche Wort-Ziel hätte ich die ersten Szenen lange, lange zerdacht, anstatt sie einfach mal runterzuschreiben.

„Gewonnen” habe ich den NaNoWriMo im November 2017 mit dem „Novemberprojekt” nicht, zumindest nicht im Sinne eines 50.000 Wörter umfassenden Manuskripts. Ich glaube, meine Endzahl waren etwas über die Hälfte – und es sollten noch viele weitere Zehntausende an Wörtern folgen, bis das magische Wörtchen „Ende” unter dem Manuskript stand.

Aber gewonnen habe ich gleichzeitig alles. Die ersten Schritte mit dieser Geschichte, die mir die Welt bedeutet, deren Schreiben zu den erfüllendsten Zeiten in meinem Leben gehört. Mein schönster NaNo. (Dem ich auch „Foremar Manor” verdanke, irgendwie zumindest …)

Projekt Skua, ein „kleines Zwischenprojekt”

Das Jahr 2020 stand (in meinem Autorinnenleben zumindest) ganz im Zeichen der Veröffentlichung des Novemberkönigs. Im darauffolgenden Jahr wollte ich es dann jedoch noch einmal wissen.

„Projekt Skua” hatte mich im Frühjahr hinterrücks überfallen, wie Ideen für Geschichten das manchmal so machen, und ich beschloss: Das wird ein NaNo-Projekt. Nach dem 666-Normseiten-Novemberkönig (keine Absicht, aber auch kein Witz: Das war die Seitenzahl der endgültigen Manuskript-Fassung) sollte aus dieser Geschichte ein viel dünneres Büchlein werden. Die 50.000 Wörter, die der NaNo veranschlagt, mehr nahm ich mir nicht vor.

Ein kleines Zwischenprojekt, schnell geschrieben, schnell überarbeitet, und dann möglichst schnell auch in 2022 veröffentlicht. So der Plan. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich das kann.

Entsprechend motiviert war ich auch für den NaNoWriMo 2021

Am Ende war die Realität nun einmal die Realität: Weder „gewann” ich den NaNo noch brachte ich Projekt Skua zu einem anderen Zeitpunkt zur Vollendung. Mir ging relativ früh unterwegs die Puste aus. Inzwischen glaube ich identifiziert zu haben, woran es lag. Aber darüber soll an anderer Stelle berichtet werden.

Es sollte mein letzter NaNoWriMo bleiben, so sehr ich es auch anders gehofft hatte.

Und jetzt? Alternativen zum NaNoWriMo für dich

Etwas, das so lange existiert und so groß wird wie der NaNoWriMo (schon lange nicht mehr nur das namensgebende „National”, sondern weltweit bekannt und geschätzt), fühlt sich irgendwann an wie eine sprichwörtliche Institution. Es gehört einfach dazu. Wie viele haben begonnen zu schreiben, und den NaNo gab es einfach „schon immer”. Das hinterlässt eine Lücke, wenn es dann nicht mehr da ist.

Und wie das immer so ist, wenn eine solche Lücke entsteht, reagiert die entsprechende Bubble. Die Sehnsucht ist da, diese Lücke zu füllen. Und so finden sich neue Communities, neue Ideen, Alternativen …

Wie diese zum Beispiel (bei Weitem keine abschließende Liste):

Challenges und Tools im digitalen Raum

NaNo 2.0

Ins Leben gerufen durch eine Gruppe ehemaliger NaNoWriMo-Volunteers rund um Gründer Chris Baty, soll beim NaNo 2.0 der frühere NaNo-Spirit fortgeführt werden. Es ist wohl allerdings eher eine Sammlung von hilfreichen Ressourcen für Schreibende als eine Community – Interessierte sind aufgerufen, ihre Wortziele selbst festzulegen, über ihre eigenen Kanäle zu kommunizieren, mit einem „tracker of your choice” festzuhalten und sich selbst eine Community zu suchen. Trotzdem soll es „winner’s badges and certificates” geben.

Schreibmonat

Ein deutschsprachiges Non-Profit-Projekt, mit eigenem Forum, erst im Spätsommer 2025 ins Leben gerufen, das den Community-Gedanken des NaNoWriMo weitertragen möchte. Aktuell laut Website nur 51 Nutzer:innen – also möglicherweise eine Gelegenheit, von Anfang an Teil von etwas Neuem zu sein und zu seinem Wachsen beizutragen.

Der Novel November von ProwritingAid

Eigentlich eine Software für Autor:innen, hat Prowriting Aid mit dem Novel November eine eigene Challenge ins Leben gerufen. Wortziele festlegen, geschriebene Wörter eintragen, Livesessions, Workshops, Community-Sprints … Kommt bekannt vor, oder? Die Website ist auf Englisch, und es gibt neben der gratis-Variante der Challenge auch kostenpflichtige Upgrades.

Ob das Verlagern einer Challenge mit eher olympischem Gedanken in den kommerziellen Bereich so sinnvoll ist, das soll jede:r für sich beantworten.

Generell Communities im digitalen Raum

Vielleicht braucht es auch gar keine „Nachahmer-Alternativen”. Warum zwingend an den gleichen Rahmenbedingungen festhalten? Eine Challenge, ein bestimmtes Wortziel, der Monat November? Worum ging es eigentlich im NaNoWriMo? Motivations-Boost. Die richtige Portion Verbindlichkeit. Ein Buddy-System, ein Gemeinschaftsgefühl, das trägt und beflügelt.

Diese Art von Community können Schreibende auch abseits einer Struktur wie dem NaNoWriMo im digitalen Raum finden.

Discord

Für mich lange ein Buch mit sieben Siegeln – aber möglicherweise ja das, was früher die Foren waren. Ich glaube, wenn man einmal den richtigen Discord-Server für sich gefunden hat, ist es am ehesten das, was den Online-Community-Gedanken weiterträgt. Server-interne Schreib-Challenges, Co-Writing-Sessions, Buddy-Systeme, Body Doubling … Ich glaube, das könnte vielversprechend sein?

Twitch

Und auch unter Schreib-Streamer:innen findet sich sicherlich die eine oder andere Person, die den November zum Schreib-Monat ausruft – und die eigene Community einlädt mitzuschreiben. Gegenseitiger Motivations-Boost inklusive!

Ich persönlich mag seit der Pandemie Co-Workings via Twitch sehr. Meine Kurzgeschichte „Sunset, Sunset” ist sogar während einer solchen Session entstanden.

Kreiere deine eigene Challenge!

Es muss ja nicht gleich die große Website mit technischem Firlefanz sein – aber wenn dir eine organisierte Schreib-Challenge im November fehlt, dann kreiere doch einfach deine eigene. Frag in deiner Community ein wenig rum, starte einen Aufruf, mach ein kreatives Brainstorming, wie du deine Challenge gestalten möchtest.

Das Schöne daran, etwas einfach selbst zu machen: Deine Challenge kann genau die Features haben, die du möchtest. 50.000 Wörter waren dir ohnehin immer zu viel? Mach weniger! Wort-Ziele stressen dich? Vereinbare stattdessen, jeden Tag ein bestimmtes Zeitfenster lang zu schreiben! Du schreibst gar keine Romane? Mach eine Poetry-Challenge, eine Art-Challenge …

Ein wundervolles Beispiel dafür fand ich dieses Jahr bei Ani vom Blog fieberherz mit deren #oktoberlines (anderes Medium, inspiriert vom Inktober statt vom NaNoWriMo – but you get the idea) – hätten ein paar Sterne für mich anders gestanden, hätte ich total gerne mitgemacht.

Analog, statt digital: Regionale Schreib-Treffs

Sie sind etwas schwerer zu finden, aber es gibt sie: Gruppen von Schreibenden, die sich außerhalb des Internets treffen, im sogenannten „echten Leben”, um gemeinsam zu schreiben.

Eine Website, auf der du weltweit Schreibgruppen finden kannst, ist Shut Up & Write – als Non-Profit ebenfalls komplett kostenlos. Mitglieder des Selfpublisher-Verbands können in den Regionalgruppen Schreib-Buddys finden. Ich persönlich habe vor vielen Jahren über die Schreibnacht eine Gemeinschaft an Gleichgesinnten gefunden – und wenn ich das richtig sehe, ist das Forum auch heute noch aktiv. Und auch aus so manchem Discord-Server haben sich langlebige Offline-Schreibgruppen entwickelt.

Wenn hiervon nichts für dich Klick macht, wie wäre es stattdessen mit einem Aufruf, um deine eigene Gruppe zusammenzutrommeln? Fast alle Autor:innen kennen andere Autor:innen – frag doch einfach mal, ob ihr euch zum gemeinsamen Schreiben trefft? Vielleicht wird ein schönes regelmäßiges Ritual draus.

November-Schreibchallenge? Nein, danke!

Es war schon zu NaNo-Tagen mehr und mehr die Rede davon innerhalb der deutschen Buchbubble: Druck. Was ein Community-Event sein sollte, verwandelte sich für Teilnehmende wie von außen Zusehende so manches Mal in etwas, was runterzieht statt zu motivieren. Da gab es diejenigen, die die 50k innerhalb von wenigen Tagen runterrissen. Da gab es diejenigen, die tatsächlich ein ganzes Rohmanuskript innerhalb nur eines Monats runterschrieben. Und da gab es diejenigen, für die sich das Gefühl von Zusammengehörigkeit in das Gegenteil verkehrte: die sich fühlten, als hingen sie konstant hinterher. Als sei „weniger als” auch gleichzeitig weniger wert.

Ob es nun selbstgemachter Druck ist oder ein – wenn auch unbeabsichtigter – Peer-Pressure-Effekt: Warum sollte Schreiben, etwas, das so viele von uns als ihre Leidenschaft bezeichnen, zum Wettbewerb werden? Braucht es zwingend eine (virtuelle) Challenge, um dein Manuskript wachsen zu lassen?

Die Alternative zum NaNoWriMo könnte auch einfach sein: keine Alternative zum NaNoWriMo. Keine finden, keine selbst erschaffen. Das Kapitel zuschlagen.

Es gibt so viele Wege, Geschichten zu schaffen! Geh deinen eigenen.

Und jetzt? Mein eigenes Schreiben

Der zuletzt aufgelistete Punkt, das ist der Weg, den ich für mich gewählt habe (nicht nur, weil ich erst Mitte November überhaupt erst erfahren habe, dass der NaNo nicht mehr existiert) Selbstverständlich brauche ich keinen NaNoWriMo, um an meinen Romanprojekten zu schreiben. Brauche kein Tageswortziel als Grund, um im ICE zu schreiben.

Warum also dieser lange Beitrag?

Solche Entwicklungen gehen immer mit ein wenig Nostalgie einher. Der NaNo, hach, weißt du noch, damals, wie schade, dass … Doch solche Entwicklungen sind auch nicht aufzuhalten – und wenn stimmt, was hinter den Kulissen vorgefallen zu sein scheint, auch nur die logische Konsequenz, also vollkommen richtig so.

Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich gestehen: Da schwingt bei mir auch ein wenig Erleichterung mit. Vielleicht ist es der Routine-fixierte Teil meines neurodivergenten Hirns – aber wenn etwas einmal „gesetzt” ist, dann bleibt das bei mir eingegraben, so flexibel und offen der andere Teil von mir auch ist und so sehr sich die tatsächliche Realität auch davon unterscheidet. (Ich dachte, wir trainieren immer zusammen?!) Der November blieb gedanklich ein Stück weit immer auch NaNo-Monat, so blieb das bei mir verknüpft, auch wenn ich seit 2021 an keinem NaNo mehr aktiv teilgenommen habe. Eine leise Stimme in meinem Kopf steckte jedes Jahr aufs Neue ab: Machst du eigentlich beim NaNo mit? Solltest du nicht, wäre das nicht die ideale Gelegenheit? Und selbst wenn die Antwort jedes Mal Nein lautete, so ging dieses Nein doch auch ein wenig mit einem inneren Zähneknirschen einher.

Sich davon zu befreien, tut gut. Die eigene Schreib-Praxis darf in Bewegung sein, wie alles im Leben. Reisende soll man bekanntlich ziehen lassen. Um das eigene Schreiben so starr auf diesen einen Monat auszurichten, dazu ist die Schreib-Liebe zu groß. Um den November so starr auf den NaNoWriMo zu fixieren, dazu ist der November zu besonders für mich. Hier möchte ich Weite und offenen Raum für so vieles andere.

Ob Projekt Skua, das Dornenprojekt oder eine andere Idee: Meine kommenden Bücher werden abseits von Community-Challenges geschrieben werden. Gerne hin und wieder mit einer Co-Writing-Session mit befreundeten Autor:innen, aber abseits eines großen formalisierten Rahmens. So fühlt es sich für mich stimmig an.

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