Blackout Poetry mit eigenen Texten – die Worte hinter den Worten

Blackout Poetry. Das Konzept, durch Schwärzen in bestehenden Texten etwas Neues zu finden, entstehen zu lassen, freizulegen. Es faszinierte mich von dem Moment an, in dem ich dieser Kreativtechnik zum ersten Mal begegnete. Ein paarmal habe ich mir selbst Zeit dafür genommen, ein Blatt hing ein paar Jahre lang an der Wand gegenüber meines Schreibtischs, genau auf Augenhöhe. Einmal hätte ich sogar beinahe einen Workshop zu Blackout Poetry gehalten, der aufgrund äußerer Umstände jedoch abgesagt werden musste.

Ich weiß, dass Blackout Poetry etwas ist, das mich noch lange faszinieren und begleiten wird. Eines habe ich jedoch noch nie gemacht: Blackout Poetry aus eigenen Texten.

Warum eigentlich? Ich könnte es nicht sagen. Erst als ich die beiden Vorlagen für meine Blogparade bastelte, fiel es mir überhaupt auf. Es versteht sich von selbst, dass ich für meinen eigenen Beitrag keine anderen Texte wählen würde. Fast, als hätte ich mich selbst eingeladen in mein eigenes Atelier.

Zwei Fragmente, drei meditative Sessions

Ich druckte mir also jede meiner eigenen Vorlagen drei Mal aus (Raum für mehrere Versuche, aber nicht zu viel) – und nahm mir Zeit. Anstatt alle Blätter einfach „abzuarbeiten”, erlaubte ich mir, mit einem langsamen, dem Projekt ganz eigenen Flow zu gehen. Es lagen mehrere Tage zwischen den einzelnen Sessions, und das war vollkommen okay.

Nicht jedes Ergebnis finde ich „gelungen”, und ein paar Versuche verwarf ich auch. Diese kleine Auswahl meines Experiments möchte ich jedoch hier teilen. Zunächst einmal für sich stehend, weitestgehend unkommentiert. Reflexionen dann zum Schluss.

Die Melancholie von Regentropfen

Den Text auf dem Beitragsbild mag ich besonders, weil mir hier gelungen ist, die gesamte Doppelseite für ein tatsächliches kleines Gedicht zu nutzen.

„Melancholie wird
ein paar Regentropfen
beobachten.

Fast fragil,
das Bild im Spiegel.”

So niedergeschrieben funktioniert das Gedicht auch schon. Aber die Formatierung, die mir ein Blogbeitrag bietet, stößt an ihre Grenzen, der Charakter des Gegenüberstellens geht verloren.

Also gehe ich mit dem Text einen weiteren Schritt, schenke ihm einen eigenen Hintergrund, löse ihn von der Vorlage und integriere dennoch ihre Form. Dieselben Worte, eine subtil andere Wirkung.

Regentropfen, Teil zwei

„Heute sind Regentropfen keine Performance.”

Blackout Poetry aus eigenen Texten: für Schreibende ein besonderer Twist dieser Kreativtechnik. Hier: Blackout Poetry, kreiert von Lily Magdalen, entstanden aus der Kurzgeschichte „Nocturne in f-Moll”, erschienen in: „Cocktail Macabre” (herausgegeben von Jessica Iser & Lily Magdalen)

Das Stupsen im Verborgenen

Blackout Poetry aus eigenen Texten: für Schreibende ein besonderer Twist dieser Kreativtechnik. Hier: Blackout Poetry, kreiert von Lily Magdalen, entstanden aus der Kurzgeschichte „Wendls Gabe” von Lily Magdalen

„Im Verborgenen hing ein wenig sanftes Stupsen.”

Irrlichter

Blackout Poetry aus eigenen Texten: für Schreibende ein besonderer Twist dieser Kreativtechnik. Hier: Blackout Poetry, kreiert von Lily Magdalen, entstanden aus der Kurzgeschichte „Wendls Gabe” von Lily Magdalen

„Irrlichter, wie sie selbst es waren.”

So wunderschön schimmert hier der Novemberkönig durch die Zeilen von Wendls Gabe. Das ist zutiefst stimmig, ist die Kurzgeschichte doch im selben Universum angesiedelt. Eine Magie, auf deren Frequenz auch die kürzeren Erzählungen schwingen.

Irrlichter, wie sie selbst es waren – ich sehe eine Novemberkönig-Illustration mit diesem Titel vor meinem geistigen Auge. (Wer möchte sie zeichnen?)

Das Grün und das Flüstern aus dem Off

Blackout Poetry aus eigenen Texten: für Schreibende ein besonderer Twist dieser Kreativtechnik. Hier: Blackout Poetry, kreiert von Lily Magdalen, entstanden aus der Kurzgeschichte „Wendls Gabe” von Lily Magdalen

„Dieses Windspiel, milde lächelnd,
(das kann ich dir nicht geben.)
(Für dich habe ich etwas anderes.)
sanftes Stupsen
Unwillkürlich
ist das hier bei dir so anders.”

Trotz meiner Liebe zur Farbe Schwarz zog es mich zum Schluss zu den anderen Farben in dem Leinen-Mäppchen vor mir. Wahrscheinlich nur der Tatsache geschuldet, dass der Edding schwächelte. Intuitiv nach einem Filzstift greifen und los. Und dann geschah einer dieser Momente, die kreative Prozesse so … bemerkenswert machen.

Das Medium selbst gab die Richtung vor. Die Worte, die ich stehen lassen wollte, waren eigentlich bereits gewählt, doch da der Filzstift überhaupt nicht gut deckte, beschloss ich mehrere Lagen aufzutragen. Eine Abstufung verschiedenster Grüntöne entstand. Durch die unterste Lage schimmerten nach wie vor deutlich die Sätze darunter. Und plötzlich fügten diese in gelassener Selbstverständlichkeit den Worten des entstehenden Gedichts noch etwas hinzu. Wie ein Flüstern aus dem Off.

Ich werde an das Tattoo an meinem Unterarm erinnert. Verblassende Buchstaben hinter und unter der ausgeschriebenen Zeile. „Dissolving Letters”, so nennt meine Tattoo Artist ihr Konzept.

„Für dich habe ich etwas anderes”, flüstert es zwischen den Zeilen meines kleinen Greenout-Gedichtchens. Ich lasse sie gewähren, die Kunst. Wer wäre ich, ihr zu widersprechen?

Eine Reflexion

Eine Reflexion in mehreren Fragmenten, genauer gesagt. Unsortiert, wie sie mir in den Sinn kommen.

  • Die Gefahr, zu verkopft an Blackout Poetry mit eigenen Texten heranzugehen, empfand ich anfangs als groß. Der Anspruch an mich selbst als Hintergrundsummen, die freigelegten Worte müssten doch erst recht besondere Botschaften aus den Geschichten sein. Nichts hemmt echten Flow mehr als ein übersteigerter Anspruch an sich selbst.
  • Was es mir ermöglichte, mich davon zu lösen: die meditative Natur der Blackout Poetry an sich. Das Haptische daran, das Gefühl des Papiers unter den Fingern, die Textur von Edding auf Papier. Einatmen. Ein langsamer Strich über die Zeile. Ausatmen. Das Ergebnis wurde zweitrangig, das Sinn-liche Erleben das Eigentliche daran.
  • Ein Wort mitten in einer Zeile stehen lassen zu wollen, stellte mich als Linkshänderin vor ungeahnte Herausforderungen: Vom Ende der Zeile her streichend, verdeckte ich das Wort mit der Hand – und erwischte es nicht nur ein Mal mit dem Edding, strich aus Versehen halb durch, was eigentlich hervorstechen sollte.
  • Die nächste Seite drehte ich kurzerhand auf den Kopf dafür. Problem gelöst.
  • Manche Wörter scheinen prädestinierter für Blackout Poetry als andere. Zweimal „Regentropfen”, zweimal das „sanfte Stupsen”. Ist das dem zugrundeliegenden Text geschuldet – oder der Persönlichkeit desjenigen, der:die ihn bearbeitet?
  • Meine Intuition wusste immer sehr genau, welche Seite ich „roh” belassen wollte und welche nach einem gerade gezogenen Rand verlangte.
  • Ich mag es besonders, wenn ein einzelner, vollständiger Satz entsteht.
  • Wenn ein längeres Gedicht entsteht, dann in einer Art fragmentarisch, wie ich es niemals schreiben würde, säße ich mit einem Stift vor einem leeren Blatt Papier. Es gibt Menschen, die können auf die Art atemberaubend mit Worten umgehen; mich zähle ich nicht dazu. Solche Worte aus einem bestehenden Text herausschälen, gleichsam archäologisch freizulegen, das liegt mir hingegen eher.

Es wird mit Sicherheit nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich mich mit Blackout Poetry an eigene Texte heranwage. Diese Geschichte ist noch nicht auserzählt, hat (mir) noch mehr zu sagen.

Eine Einladung

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