„Ich hätte niemals gedacht, dass ich mal mit einer Dark-Romance-Lektorin zusammenarbeite!” Sie klang so freudig-aufgeregt, geradezu aufgekratzt, dass ich sie nicht korrigieren wollte. Eine meiner Kundinnen aus der Zeit meiner Vollzeit-Selbstständigkeit, mit der ich nach wie vor wunderbar zusammenarbeite. Es war der Start ihrer Reise von der Hobby-Schreiberin zur veröffentlichten Autorin. Eine aufregende Übergangszeit für diese sympathische Frau, die bislang keinerlei Berührungspunkte zur Buchbranche gehabt hatte.
Das Problem an ihrer Aussage: Ich lektoriere keine Dark Romance. Ich schreibe keine Dark Romance. Habe ich damals nicht, tue ich heute nicht, werde ich vermutlich nie. Diese Autorin hatte da einfach mehrere (zugegeben diffuse) Begriffe durcheinandergeworfen. Hatte die von mir so geliebte Düsternis und die Genrebezeichnung ihres eigenen Manuskripts kurzerhand wörtlich übersetzt (und vermutlich meine eigene Goth(-esque)-Erscheinung mit in die Gleichung gemischt).
„Düster” = „Dark”?
„Liebesgeschichte” = „Romance”?
So einfach ist es nicht!
Dark Romance, das sind – sehr kurz zusammengefasst – Liebesromane, die Grenzen überschreiten. In den Geschichten stehen Beziehungen im Zentrum, die in ihrer Natur toxisch sind, dabei gleichzeitig jedoch stark romantisiert werden – mit einem großen Schwerpunkt auf expliziter Erotik.
Das hat wenig bis nichts mit dem zu tun, was ich schreibe. Oder bis dato lektoriert hatte. Nicht einmal ansatzweise. Was hatte meine Kundin hier also verwechselt? Gehen wir rein.
Zusammenfassung
„Dunkle Romantik“ wörtlich als „Dark Romance“ zu übersetzen und somit die beiden Begriffe gleichzusetzen ist – was Buchgenres im deutschsprachigen Raum betrifft – falsch.
Dark Romance ist:
– Ein Untergenre der Romance, in dem romantische und/oder sexuelle Beziehungen durch Machtungleichgewicht, moralische Grenzüberschreitungen und psychische Abhängigkeit geprägt sind, was zwar verstörend wirken kann, Charaktere wie Lesende letztendlich jedoch genießen.
Dark Fantasy ist:
– Ein Untergenre der Phantastik, in dem neben den klassischen Fantasy-Elementen auch Elemente des Horrors sowie Gewalt, Grausamkeit, moralische Ambivalenz, Verfall oder existenzielle Bedrohung im Mittelpunkt stehen, und das in einer hohen Intensität.
Dunkle Romantik (auch: Schwarzromantik) ist:
– Ein Charakteristikum der Schauerliteratur, die durch das Unheimliche, das Übernatürliche oder das Bedrohliche gezielt Atmosphäre und subtiles Grauen erzeugt. Beziehungen pendeln oftmals zwischen Hoffnung und Tragik, Melancholie und tiefer Sehnsucht.
Was bedeutet ~Dark~ im Genre Dark Romance?
Im Buchladen läuft man kaum Gefahr, Dark Romance mit anderen Liebesgeschichten zu verwechseln – denn zumindest bei der Gestaltung der Bücher kann man das Adjektiv „dark” getrost wörtlich nehmen. In der Filiale, in der ich arbeite, gibt es ein ganzes Regal Dark Romance, voller aufwändig gestalteter Bücher in verschiedensten Schwarz-Schattierungen (und dunklem Blau, und dunklem Violett … You get the idea) – und direkt daneben das pastellige Young-Adult-Regal, auf dem Buchrücken in soften Zuckerwattefarben leuchten. (Das bedeutet nicht, dass es in diesem Regal nicht auch spicy zugeht!)
Von der Gestaltung der Bücher einmal abgesehen, bezieht sich der Begriff „Dark” in der Dark Romance nicht auf Düsteres im wörtlichen Sinne – sondern auf Abgründiges, Verbotenes oder Tabuisiertes. Und auf Beziehungen, wie wir sie im echten Leben auf keinen Fall für uns selbst wünschen würden.
Beziehungen in der Dark Romance charakterisiert ein deutliches Machtgefälle, meistens zwischen dem männlichen Part, der unglaublich reich, unglaublich mächtig und unglaublich bedrohlich ist, und dem weiblichen Part, der oftmals unschuldig und leicht zu verführen ist und im Laufe des Buches, gerade durch diese Beziehung, eine Wandlung durchmacht.
Dieses Machtgefälle bricht sich in der Dark Romance in verschwimmenden Grenzen zwischen Dominanz und Übergriffigkeit Bahn, meistens garniert durch äußerst explizite erotische Szenen. Nein, nicht nur garniert – diese detaillierten Sexszenen (in der Buchwelt euphemistisch Spice genannt) ziehen sich kontinuierlich durch die gesamte Handlung. Consent? Oftmals verschwimmt auch hier die Grenze – oder Consent ist nicht einmal vorhanden. Die Geschichten spielen mit Fantasien von Verbotenem, Anrüchigem – bis hin zu explizit Illegalem. Gewalt, Stalking, Entführung, Erpressung, anderes missbräuchliches Verhalten … Alles keine ungewöhnlichen Elemente in Dark-Romance-Geschichten.
Die psychologische Seite der Dark Romance
Dark Romance fasziniert die Lesenden aus ähnlichen Gründen wie auch Horror-Geschichten. Es geht um Extreme: extreme Situationen, extreme Gefühle, Grenzüberschreitungen. Ein Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Normen und menschlichen Abgründen. Dazu eine Prise vom berüchtigten Reiz des Verbotenen. Ähnlich wie Horrorfilme Angst machen und scharfes Essen ein wenig wehtut, so ist auch das Lesen von Dark Romance mit einer gewissen Intensität verbunden.
Die Fiktion bietet einen sicheren Rahmen, um solche Grenzerfahrungen und Abgründe auszuloten, um extremen Fantasien Raum zu geben. Sich dahingehend ein wenig „auszuleben”, sich (oftmals unterbewusst) mit eigenen Anteilen von beispielsweise Aggression auseinandersetzen, ohne damit in der Realität jemandem wehzutun.
Die meisten Erwachsenen können Fiktion und Realität gut trennen. Sich in der eigenen Fantasie in Abgründigem zu bewegen, wird von vielen Psycholog:innen nicht per se als schädlich angesehen. Teilweise sogar im Gegenteil: Es ist ein gesunder Anteil der menschlichen Psyche, der sein darf.
Die Kritik an Dark Romance
Die Kritik, der die Dark Romance ausgesetzt ist (die Qualität der Texte lassen wir hier bewusst außen vor), lässt sich so zusammenfassen: Das Genre normalisiere und romantisiere toxische Verhaltensweisen und Beziehungsmuster und sei deswegen schädlich – sowohl auf Individualebene als auch gesamtgesellschaftlich. Es sorge für ein Abstumpfen gegenüber immer extremeren Schilderungen von (oftmals sexualisierter) Gewalt und lasse schädliche Beziehungsmuster als ersehnenswert erscheinen. Erst recht für sehr junge Menschen, die noch nicht in ihrem eigenen Beziehungs(er)leben gefestigt sind, gesunde Beziehungen noch nicht ausreichend erlernt haben.
Was ich ungeachtet des vorangegangen Unterkapitels also auf keinen Fall tun möchte: Dark Romance unkritisch als grundsätzlich harmlos abtun. Nicht umsonst kleben inzwischen vermehrt „18+”-Sticker auf den Büchern, nicht umsonst gibt es Handlungs-Leitfäden für Buchhändler:innen, wie mit Dark Romance umgegangen werden soll. Nicht umsonst habe ich in meinem Arbeitsalltag eine unbedarfte Tante durch behutsames Nachfragen, ob sie denn wisse, was sie ihrer Nichte da zum Geburtstag schenken möchte, davon abgebracht, „Haunting Adeline” für die gerade einmal Sechzehnjährige mitzunehmen.
Was ich jedoch auch auf keinen Fall tun möchte: Leser:innen, die Dark Romance genießen, verurteilen. Jeder erwachsenen Frau, die selbstbewusst bei mir im Laden „Satan’s Affair” auf den Tisch legt, möchte ich gerne zuraunen: All power to you, sis. Es steht mir nicht zu, erwachsenen, mündigen Menschen abzusprechen, mit Fiktion in ihrer Extremform auf gesunde Weise umgehen zu können. Informed (!), enthusiastic consent – ein Konzept, das sich hier aus der Kink-Community zu übertragen lohnt, wenn es auch oftmals auf die Charaktere in den Büchern nicht zutrifft: Du weißt, was du mit Dark Romance in die Hand nimmst? Du liest das Genre gerne? Du bist im Vollbesitz deiner geistigen Kräfte? Go for it, have fun!
Und was bedeutet ~Dark~ im Genre Dark Fantasy?
Auch in der Dark Fantasy werden weder die Charaktere noch die Lesenden mit Samthandschuhen angefasst. Mit „Dark” haben wir den gleichen Begriff, eine ähnliche Herleitung, jedoch eine andere Verwendung dieses Begriffes.
Dieses Genre zeichnet sich durch Elemente aus, die eher dem Horror zuzuordnen sind. Die wortwörtliche Düsternis, ja – aber zudem Gewalt, die inhaltlich und erzählerisch mehr Raum einnimmt, Grusel, der nicht nur in der eigenen Fantasie begründet liegt, sondern sehr explizit wird, moralische Ambivalenz, ein Spiel mit psychologischer Spannung, teilweise mehr „Action-Szenen”. Hinzu natürlich das übernatürliche Element der Fantasy, das in der Dark Romance oftmals entfällt.
Auf die Spitze getrieben wird das in der „Grimdark Fantasy” – noch mehr Brutalität, noch mehr Dreck in der Fresse, eine noch schonungslosere Darstellung von allem, was Dark Fantasy so „dark” macht.
Auch hier gibt es natürlich Kritik – an manchen etablierten Strukturen, an einzelnen Büchern. Doch das Romantisieren von toxischen Beziehungen ist nicht per se ein Charaktermerkmal der Dark Fantasy.
Schwarzromantik und Schauerliteratur
Schwarzromantik oder auch Schauerromantik bezeichnet eine literarische Strömung des 19. Jahrhunderts. Als Gegenbewegung zur Aufklärung legt sie den Fokus auf das Irrationale, das Unerklärliche, das Unheimliche. Auch sie bewegt sich in Abgründen, thematisiert Wahnsinn, Ängste, Leidenschaften, Tod und bedient sich (subtil) Übernatürlichem, um beim Lesen wohliges Erschaudern auszulösen.
Das hört sich zugegeben erst einmal ganz ähnlich an wie die Thematiken der Dark Romance oder Dark Fantasy. Doch die Gänsehaut kommt unterschwelliger daher in der Schauerromantik, atmosphärischer. Die Motive und Elemente, die einen Schauerroman auszeichnen, sind andere.
So kann man auch nicht sagen, dass Schauerliteratur einfach nur die ältere Form ist und Dark Romance und Dark Fantasy die modernen Varianten davon – existiert heute auch weiterhin das Genre der Gothic Fiction, das sich steigender Beliebtheit erfreut.
Von mir sehr geschätzt unter den klassischen Elementen der Gothic Fiction: das Haunted-House-Setting. Eine kleine Leseliste aus Klassikern, Urban Fantasy sowie Modern Gothic habe ich hier für dich zusammengestellt.
Was macht meine Geschichten ~dark~ – und was nicht?
Meine Geschichten sind dunkelromantisch – nicht toxisch
Meine Charaktere verhalten sich nicht immer moralisch einwandfrei. Sie haben ihre dunklen Seiten, sie zeigen ihre dunklen Seiten. Liebe fühlt sich für meine Figuren nicht immer nur gut an, sie tut auch mal weh. Und so manche Beziehung steht unter einem tragischen Stern.
Ein Romantisieren missbräuchlicher Verhaltensweisen findet jedoch nicht statt.
Meine Geschichten sind düster, begründet im Übernatürlichen – nicht in Gewalt
Im Novemberkönig kriecht der Gesang untoter Vögel des Nachts unter deine Haut. In Nocturne in f-Moll tanzt hinter dem Spiegel ein Paar Hände mehr über die Klaviatur als vor dem Spiegel. Im noch unveröffentlichten Projekt Skua verschwimmen für die Protagonistin die Grenzen zwischen intensiver Begegnung und Fiebertraum.
„Grimdark” ist daran nichts. Tiefdunkel ist daran alles.
Meine Geschichten sind zuweilen subtil erotisch – nicht spicy
Explizite Sexszenen haben ihren Raum und ihre Berechtigung. Meine Geschichten erzählen Erotik jedoch subtiler – und das, ohne vorher die Tür zwischen Charakteren und Lesenden zu schließen.
Ich lasse an dieser Stelle – für alle drei genannten Punkte – am liebsten eine Rezensentin des Novemberkönigs sprechen:

Fazit: Dark Romance hat ihre Leser:Innen – hier werden sie jedoch nicht fündig
Mag für mich persönlich die Abgrenzung zwischen den Begriffen noch so klar sein, ich verstehe, warum sie bei Menschen, die nicht so tief in der Materie stecken, leicht Verwirrung auslösen können. Gerade weil die englischen und die deutschen Begriffe auf den ersten Blick wie Synonyme anmuten. Und oftmals sind – passend zu den vorgestellten Genres – die Grenzen ja auch fließend.
Suchst du jedoch explizit nach Dark Romance, nach toxisch gestrickten Beziehungen, die jede Grenze überschreiten, dann bist du hier nicht richtig. Suchst du nach abgründigen Büchern mit einem hohen Anteil an Brutalität und explizitem Spice, dann darfst du dich an einem anderen Ort danach umsehen.
Fühlst du dich hingegen zuhause in wohltuender Dunkelheit und novembernebliger Melancholie, magst du wohldosierte Gänsehautmomente und subtile Erotik – dann lade ich dich gerne ein in meine Welt.
Willkommen am Sweet-Spot zwischen Whimsy & Darkness.

Ich sammle Wörter wie andere Menschen Kieselsteine oder Kastanien. Aus ihnen webe ich Geschichten, die zwischen dem Andersweltlich-wundersamen und dem Gänsehaut-schaurigen balancieren.
Bleibst du ein bisschen in meiner gemütlichen Ecke des Internets?

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