Das Lesen im Laufe der Jahreszeiten

Open blue book resting on a rustic wooden fence by a seaside meadow.

Lesen im Frühling

Im Frühling lese ich zum ersten Mal wieder auf dem Balkon, beim ersten Kaffee, bis die Morgensonne hinter der Dachrinne verschwindet und mich der Schatten daran erinnert, dass es noch immer kühl ist, eigentlich.

Im Frühling lese ich noch ein paar Kapitel im Bett vor dem Schlafen und träume davon, dass das Tageslicht bald lange genug bleibt, damit ich das Licht nicht mehr anknipsen muss dafür.

Im Frühling lese ich mit schniefender Heuschnupfennase, die Tempobox in Reichweite. Im Frühling gibt es genügend Regentage für Nachmittage mit Buch. Im Frühling stecke ich hoffnungsvoll ein Buch in die Satteltaschen für den Fahrradausflug und ziehe es abends unberührt wieder daraus hervor.

Im Frühling brauche ich keine Lesezeichen, stattdessen pflücke ich ein Gänseblümchen, nur eine Armlänge entfernt. Oma sagte immer, ab Mai dürfe man wieder auf dem Boden sitzen, der erste Monat ohne -r.

Lesen im Sommer

Ein Buch in meiner Strandtasche, auf dem Weg zum Badesee. Die Zehen im Sand, eine salzige Brise und Sandkörner zwischen den Seiten auf meinem Schoß. Ein Buch in den ausgestreckten Armen, auf dem Rücken liegend, sich im Wind wiegendes Laub als Hintergrund.

Ein Buch auf der Couch, ganz heimlich doch noch einmal die Flauschdecke herausholen, nicht um ihrer Wärme, sondern der Gemütlichkeit wegen, in der Luft der Duft nach dem Regen, der vor der weit geöffneten Balkontür rauscht. Petrichor, ein Wort für meine Sammlung, auch wenn es vor Jahren noch origineller klang. Sommerregen, mein heimlicher Favorit.

Ein Buch bei Gewitter, wenn ich alle elektrischen Geräte ausgesteckt habe, eine Kerze flackert im Glas, und ich versuche mich auf etwas anderes zu konzentrieren als auf die Frage, wie viele Sekunden zwischen Donnergrollen und Blitz vergehen.

Zu viele Bücher im Koffer, auf dem Weg zum Flughafen. Ein Buch auf dem Hotel-Nachttischchen, nach dem ich dann doch nicht greife.

Ein Buch im Hängesessel auf der Terrasse, bis mir in der Wärme beim sanften Schaukeln die Augen zufallen und die Seiten auf meinen Schoß sinken. Ein Buch auf den Second-Hand-Loungemöbeln ein paar Meter weiter, kühler Weißwein im Glas, ein langer, lauer Abend, an dem ich noch nicht hineingehen möchte. Ein Buch, bis das Tageslicht dem späten Sonnenuntergang weicht, und die Solar-Lampions über meinem Kopf nicht mehr ausreichen, nur nicht noch mehr Licht machen, die Stechmücken, die Stechmücken, und es riecht doch nach der Citronella-Kerze auf dem Tisch.

Lesen im Herbst

Im Herbst lese ich bei stürmischem Regenwetter wieder mit dicken Flauschsocken unter der Kuscheldecke, in der Kanne auf dem Stövchen dampfender Tee in durchscheinendem Ahornblatt-Rot. Im Herbst gönne ich mir eine Zimtschnecke zum Buch. Im Herbst stören mich Klischees am wenigsten.

Im Herbst geistern Kürbis und Spuk auch durch die Buchseiten; im Herbst trauen sich so manche Lesenden nicht mehr, abends das Licht auszumachen; Grusel-Gänsehaut ist so viel wohliger als Frieren-Gänsehaut.

Im Herbst versuche ich mich ein weiteres Mal am Lesen in der Badewanne, die Arme zu verkrampft und am Ende doch Schaum, der leise knisternd Flecken auf den Seiten hinterlässt, einarmig blättern und dran scheitern, Lesen in der Badewanne sieht im Fernsehen gemütlicher aus, nach drei Seiten lasse ich das Buch auf den Badezimmerboden gleiten, lieber schließe ich die Augen und wackle eine Runde mit den Zehen im warmen Wasser.

Lesen im Winter

Der Winter mag Bücher in Sternchen-Papier eingewickelt unter Tannenbäumen liegend. Der Winter erinnert mich daran, welche Bücher ich denn nun wirklich auf eine Wunschliste schreiben wollte und bei welchen das nur ein flüchtiger Gedanke bleiben darf. Der Winter mag einen neuen Stapel Coffee-Table-Books und Bücher in 24 Kapiteln.

Der Winter ruft nach Ambience-Videos zum Lesen, vielfach-multiplizierte Schneefall-Idylle in HD, wenn er draußen schon auf sich warten lässt.

Der Winter schenkte mir dieses eine Allgäu-Wochenende, meterhoher Schnee vor den Fenstern, ich lasse die anderen zu ihrem Ski-Ausflug und habe die Hütte und den Kachelofen für mich allein, es gibt kein WLAN, und ich hatte fast vergessen, wie das ist.

Der Winter macht Eskapismus ganz besonders verlockend, wenn der Januar einfach nicht enden will.

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