Ohne Musik würde dieses Buch wohl nicht existieren. Ich liebe es, Musik beim Schreiben zu hören, nichts kann Stimmungen so gut transportieren oder untermalen. Ebenso wie eine Pinterest-Pinnwand den Vibe einer Geschichte transportiert, wie sie sich anfühlt, tut es auch eine Playlist, nur durch ein anderes Medium. Für mich gibt es zum Schreiben immer beides. Pinterest und Playlist. Ästhetik und Klang. Sehen. Hören. Hineinfühlen. Die Sinnlichkeit eines Kreativprozesses.
Und mehr als einmal kommt es vor, dass mich ein bestimmter Song ganz konkret zu einem Moment, einer Szene inspiriert. Oder zu einer kompletten Geschichte. Letzteres – man könnte den Novemberkönig so lesen, wenn man wollte, aber ganz so einfach ist es dann doch nicht …
Heute hören wir ein wenig in die einzelnen Songs der Novemberkönig-Playlist rein, ja?
ASP – In Sack und Asche & Danach
Diese beiden Songs brachten mich von dem diffusen Gedanken an Geschichte namens „Novemberkönig” in die grobe Richtung von etwas, was man Plot nennen könnte. Oder auch erstmal nur eine Idee.
Die Cembalo-Klänge in „Sack und Asche”, dazu am Schluss die Textzeile: „Dein Herbst war viel zu kurz!” – und in „Danach” das eindringlich gewisperte: „Wann kommt der Winter?”
Diese Elemente sangen zu mir – und brachten meine Gedanken ins Fließen. Warum sollte jemand, der dem selbst erschaffenen Herbst nicht entkommt, sich nach dem Winter sehnen …?
Diese beiden Songs verkörpern für mich, Hand in Hand gehend, die Essenz des Novemberkönigs. Sie sind ursprünglich sogar viel mehr „Soundtrack” als der Song, der sich mehr unfreiwillig als solcher herausstellen sollte. Und, wenn man so will: Yvan’s Theme Songs.
„Du verbirgst dich vor den Netzen, während du die Blätter färbst; du entkommst nie ihren Maschen und entkommst auch nie dem Herbst.”
– ASP: In Sack und Asche;
auf dem Album „GeistErfahrer”, 2016
„Wann kommt der Schnee, der wie ein Mantel sich um dieses Elend legt und diese wunde Erde sanft zur Nacht bedeckt? Und unsre Gräueltaten vor dem Mond versteckt …”
– ASP: Danach;
auf dem Album „GeistErfahrer”, 2016
Trentemøller – November
Was tun Schreibende besonders gerne, wenn sie sich eigentlich ans Manuskript setzen wollten, die Inspiration aber so gar nicht mitspielen möchte? Richtig – prokrastinieren! Mit Dingen, die sich nach „Ich beschäftige mich aber schon mit meinem Buch!” anfühlen. Und manchmal kommt dabei sogar etwas Nachhaltiges heraus …
Wie zum Beispiel, als ich einmal, auf Spotify gezielt nach Songs mit dem Wort „November” im Titel gesucht habe. Im ersten Moment war ich erstaunt, wie vieles davon in Sachen Atmosphäre wundervoll zum noch wachsenden Manuskript gepasst hat! Auf den zweiten Blick ist das wiederum gar nicht so erstaunlich. Der Monat November hat einfach diese sehr charakteristische, eigentümliche Atmosphäre, die sich in herrlich düster-melancholische Musik transportieren lässt.
Dieser Song blieb jedenfalls letztendlich hängen bzw. ich an dem Stück.
Wie mein Novemberkönig ganz ohne Lyrics klingt? So.
ASP – The Mysterious Vanishing of the Foremar Family
Der unfreiwillige Theme Song zum Novemberkönig, Soundtrack aus Versehen. Schuld war der NaNoWriMo und ein teuflisch clever gesetzter Untertitel … Die Geschichte bekommt Raum in einem eigenen Blogbeitrag, vollkommen zurecht.
„The great Foremar Manor henceforward forever stood empty.”
– ASP: The Mysterious Vanishing of the Foremar Family;
auf dem Album „fremd”, 2011
Und so darf ich mich nun vorne im Impressum aus tiefstem Herzen für den Namen „Foremar Manor” bedanken. Ich musste weder die Villa noch die dazugehörige Familie auf dem Weg zwischen Rohfassung und veröffentlichtem Buch umbenennen. Doch viel mehr als das, bedeutet dieses Geschenk für mich vor allem die Verneigung vor der langjährigen Muse und tiefsten Inspiration, über Jahre hinweg.
Es dürfte beim Lesen dieses Beitrags auffallen, wie oft ASP auf der Novemberkönig-Playlist vertreten ist …
Agnes Obel – The Curse
Jessica Iser, die als Writing Buddy seinerzeit jeden Schritt des wachsenden Rohmanuskrips begleitete, schickte mir diesen Song – und ich liebe die ruhige und gleichzeitig subtil gruselige Stimmung, die er transportiert! Er entpuppte sich als Soundtrack für einen ganz bestimmten Absatz im Buch. Wie von alleine stellte sich beim Schreiben die passende Atmosphäre ein …
„Ein dunkel gekleideter Einwohner von Foremar Glen neben dem anderen stand reglos auf dem Gehsteig oder der Straße und starrte in den Nebel. In diesem sonst wie ausgestorben liegenden Dorf war keine Straße leer, wohin ich auch sah. Wie Salzsäulen. Wie mannshohe schwarze Pilze, die über Nacht aus dem Boden geschossen waren, so grotesk war dieses Bild. So unwirklich der Filter, den der Nebel über alles legte.”
– Novemberkönig. Eine Erzählung in sieben Mondphasen. S. 119
Fun fact: In meinem Kopf existiert eine Pole-Performance zum „Novemberkönig” zu genau diesem Stück. Vielleicht, eines Tages …
Spielbann – Der Hüter
Kein konkreter Bezug zum Buch – nur ein bisschen Seelenalchemie, ein bisschen Geschichtenerzähler-Magie. Yvan und was er mit seiner Stimme tut, mehrfach chiffriert in ein Lied übersetzt, möglicherweise rückblickend durch die Augen eines Barden …
ASP – Stille der Nacht (Ein Weihnachtsmärchen)
Und zwar unbedingt in der Live-Version aus „Von Zaubererbrüdern, Schwarzen Schmetterlingen und anderen Nachtgestalten” – das ich glücklicherweise auf DVD besitze und während des Schreibens oft im Hintergrund laufen hatte.
Es war Teil meines Schreib-Rituals. Kaffee, auf der Couch die Beine langstrecken und den Laptop auf dem Schoß und im DVD-Spieler entweder dieser ASP’sche Live-Auftritt oder aber das damals aktuelle Album. Nein, es lenkte mich nicht ab, ganz im Gegenteil. Es erdete mich, holte mich in die richtige Stimmung. Ich hatte mich regelrecht darauf konditioniert!
Wie passend, dass diese Tour im Jahr 2008 meine erste Live-Erfahrung mit ASP war. Ich werde es nie vergessen: Mangels Begleitung überwand ich mich und besuchte zum ersten Mal ein Konzert ganz alleine. Zu sehr hatte mich die erst knapp ein Jahr zuvor von mir entdeckte Band in den Bann gezogen. Ich hatte Glück mit meinem Sitzplatz, saß in der sechsten oder siebten Reihe. Die Lichter wurden gedämpft, die Band nahm ihre Plätze ein, die Saiteninstrumente wurden gestimmt, der Dudelsack spielte den ersten, langgezogenen Ton …
… und Asp betrat die Bühne, eine imposante Erscheinung in langem Mantel und mit Dreispitz, legte ohne viel Getöse ein großes Buch auf einem Pult vor sich ab und begann zu singen, mit einer Stimme, die den gesamten Saal die Luft anhalten ließ.
Ich war nach diesem Konzert nicht mehr die gleiche Person wie davor.
Kelpy – Mühlennächte
Einer der wenigen hellen, nicht düster-nebelmelancholischen Momente auf der Playlist, ohne direkten thematischen Bezug zum Buch. Vielleicht ebenfalls eine Rückschau eines Nebencharakters, eines Dorfbewohners möglicherweise, viele Jahre später, durch milde verklärende Augen.
Und ein wenig Geschichtenerzähler-Magie. Wenn Yvan, wie im Buch mehrfach betont, mit einer „Stimme wie Ebenholz” spricht, so hat Autor Christian von Aster, der im Musikstück den Anfang vorträgt, wohl eine „Tausendjährige Eiche”-Stimme.
Herumor – Zwielichtgestalten
Das Lied (damals noch als einzelne Song-Beigabe zu einem wunderbaren Bilderbuch) lief in Dauerschleife, während ich eine Szene eines ganz bestimmten Kapitels schrieb, an einem wahnsinnig schreib-intensiven Wochenende voller Bilderbuch-Autorinnenleben-Momente.
„Wenn silbern der Mond in die Baumwipfel sinkt, dann schließen die Pforten sich bald. Wenn rötlicher Farn schon den Morgentau trinkt, verblassen die Wesen im Wald. Dann wünschst du dir, sie hätten dich doch gefunden, so lang ihre Feuer noch brennen. Und bliebest du auch hundert Jahre verschwunden und niemand mehr würde dich kennen.”
Herumor: Das Lied von den Zwielichtgestalten
Hätte ich meinen Mondphasen-Kapiteln Zitate vorangestellt, dieses dürfte den Vollmond einleiten. Irrlichter und eine schöne Geschichte …
ASP – Mondscheinsirenade
Inhaltlich und von der Stimmung her eigentlich keinerlei Inspiration zum Novemberkönig. Aber in besagtem NaNoWriMo 2017 war kurz zuvor, Ende Oktober, das neue ASP-Album „zutiefst” erschienen, und es lief bei mir hoch und runter. So auch am 1. November, als ich mit der Energie des ersten NaNo-Tages die ersten Szenen schrieb.
Die Clique der Protagonistin Ylva traf sich in einer Bar namens Fortuna. So weit, so gut. Die Musik trat in den Hintergrund, meine Finger flogen über die Tasten. Und als ich die Worte schrieb: „In diesem Moment trat Luna, die Barkeeperin des Fortuna, an unseren Tisch …”, hielt ich inne. Horchte auf. Es lief gerade die „Mondscheinsirenade”, mit ihrem charakteristischen Refrain:
„Luuuunaaaa, oh Fortuuunaaaa …”
Ich kommentierte den Moment mit einem trockenen: „War ja klar.”
Das gehört eben auch zum Schreiben; manchmal hilft der Zufall, die Geschichte zu erzählen. Wer weiß, wie der Novemberkönig sich entfaltet hätte, hätte ich ein anderes Album zum Schreiben aufgelegt?
Die Barkeeperin sollte eigentlich nur stumme Statistin sein – aber jetzt, da sie schon mal einen Namen hatte …
Yoav – Blood Moon
Von einer Poledance-Playlist auf die Novemberkönig-Playlist gewandert. Auch wenn es im Text nirgendwo einen Blutmond gibt (ganz im Ernst, wie sehr Klischee wäre das gewesen …?!), so passt die Stimmung doch wunderbar.
Faun – November
Dass ich dieses Lied nicht auf dem Schirm hatte, könnte diejenigen überraschen, die mich kennen – belegt die Band Faun doch inzwischen regelmäßig die Top 5 der von mir in einem Jahr am häufigsten gehörten Alben. Zur Zeit der Entstehung des Rohmanuskripts befand ich mich jedoch in einer Art Faun-Pause, hielt meine Liebe zu dieser Musik für eine abgeschlossene Phase der Vergangenheit.
Doch es kam einer der bereits erwähnten Moment der Prokrastination, die Suche nach Songs mit November-Bezug. Und es wurde sofort zum Theme-Song für ein ganz besonderes Pairing in der Geschichte … (Nein, nicht Ylva und Yvan!)
HELGA – Mörker
Ein Instagram-Zufallsfund, der Account dieser schwedischen Band. Ich blieb eine Weile erst einmal an den Postings hängen, fasziniert davon, wie sehr Frontfrau Helga meiner Protagonistin Ylva ähnelte, rein optisch gesehen. Doch natürlich musste ich auch in die Musik der Band reinhören.
Gleich der erste Song war ein absoluter Glückstreffer. Wenn Ylva einen Theme-Song hätte, dieser wäre es!
Alcest – Oiseaux de Proie
Ich werde niemals aufhören, sprachlos und dankbar und fasziniert darüber zu sein, den Novemberkönig durch die Augen meiner Lesenden erleben zu dürfen, kaum mehr als kleine Glimpses in das so subjektive, persönliche Erleben eines Buches, aber dafür umso besonderer!
Diesen Song schickte mir eine Testlese-Person, nachdem sie das Rohmanuskript beendet hatte. Sie schrieb dazu, sie habe die letzten Seiten auf dem Balkon sitzend gelesen, bei schwindendem Licht und hereinbrechender Nacht. Am Ende waren zwei Bedürfnisse vorherrschend. Noch kein „richtiges” Licht zu machen, die Dunkelheit lediglich von einer selbstgebauten Solarlampe durchbrechen zu lassen, die gleichsam das Sonnenlicht der letzten Stunden des Tages eingefangen hatte (es war ein heißer Hochsommertag im Jahr 2019). Und: Musik zu hören, die ihre Stimmung nach dem Ende des Buches für sie verkörperte – „aufgewühlt” war das Wort, das sie verwendete.
Die Wahl fiel auf diesen Song. Seiner Balance aus ruhiger Melancholie und lauter Unruhe wegen.
Ich finde noch heute keine Worte dafür, wie sehr mir alles daran unter die Haut ging.
CLANN – I Hold You
Von der gleichen Person, doch mir in anderem Zusammenhang geschickt, mehr „einfach so”.
Für mich musste dieser Song jedoch sofort einen Platz auf der Novemberkönig-Playlist einnehmen! Das letzte Drittel des Buches, der Showdown schon am Horizont, aber noch nicht greifbar …
Anilah – Warrior (Revisited)
Eine andere Testleserin, ähnliche Geschichte. (Nein, der Musikgeschmack war für mich kein Kriterium beim Auswählen meiner Testlesenden!) Sie schrieb mir, sie habe den Showdown des Novemberkönigs und die auf das Finale folgenden letzten Seiten zwischen drei und vier Uhr nachts gelesen – und dabei das Bedürfnis gehabt, einen einzelnen Song auf Dauerschleife im Hintergrund laufen zu lassen. Diesen hier.
Das schöne (und wertvolle konstruktive, zuweilen auch konstruktiv-kritische) Feedback meiner Testlesenden in allen Ehren – die schönsten Momente dieser Testleserunde, das war so etwas! Zu sehen, dass mein Buch manche Menschen so tief erwischt, dass dies ins Hören bestimmter Songs kanalisiert werden muss. Ich weiß genau, wie sich so etwas anfühlt. Im Marketing ist häufig die Rede von der „idealen Zielgruppe” eines Buches. Die „Zielgruppe” des Novemberkönigs, das sind wohl Menschen, die das nachvollziehen können. Menschen, die so fühlen.
Alcest – Kodama
Keine Testleserin, sondern meine Lektorin. Kein bestimmter Zusammenhang im Manuskript – doch anders als in jeder anderen Lektorats-Zusammenarbeit, die ich seither kennengelernt habe, fingen wir während der Bearbeitung des Novemberkönigs an, per WhatsApp lose auch „privat” miteinander zu schreiben. Und unter anderem auch Musik auszutauschen. Dieser Song war auch dabei.
Und oben zuerst erwähnte Testlese-Person kommentierte das damit, wie überraschend es doch sei, dass zwei Menschen, die sich überhaupt nicht kennen, die gleiche, nicht unbedingt in die große Breite bekannte Band zum Novemberkönig assoziieren.
Teho Teardo & Blixa Bargeld – A Quiet Life
Abspann.
Ebenfalls von meiner Lektorin geschickt. Sie müsse bei dem Song an einen der Charaktere denken, schrieb sie – das passe doch „wie Arsch auf Eimer”. Ich kann nicht anders, als ihr beizupflichten. Vor allem, wenn ich mir vorstelle, dass dieses Lied während des fiktiven Abspanns einer fiktiven Novemberkönig-Verfilmung läuft. Kein Spoiler, aber es wäre ein guter Ausklang für die Geschichte.
Chamber – L’Orchestre de Chambre Noir – Toscana (live @ „Once in a Lifetime“ with ASP)
Encore.
Dieser Song hat einen so bedeutsamen Platz auf der Novemberkönig-Playlist, dass ich ihm einen eigenen Beitrag gewidmet habe: Das Wort Ende. Und ein Song.
Die gesamte Playlist
Was sagst du, du hättest gerne alle diese Songs auf einer Playlist, möchtest dir aber nicht die Mühe machen, selbst eine zusammenzustellen? I got you – hier ist sie:
Wenn du das hier liest, dann gilt dir mein innigster Dank dafür, dass du dich mit mir auf diese musikalische Reise in den immerwährenden November eingelassen hast.
Und dieser kleine Disclaimer zum Schluss muss einfach sein: Streaming-Plattformen gut und schön – aber die Künstler:innen hinter den hier vorstellten Liedern haben am meisten davon, wenn du ihre Musik ganz altmodisch auf Tonträgern wie CD oder Vinyl genießt – oder sogar live während eines Konzertes (das ist sowieso unvergleichlich!). Thank you for coming to my ted talk!

Ich sammle Wörter wie andere Menschen Kieselsteine oder Kastanien. Aus ihnen webe ich Geschichten, die zwischen dem Andersweltlich-wundersamen und dem Gänsehaut-schaurigen balancieren.
Bleibst du ein bisschen in meiner gemütlichen Ecke des Internets?

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