Zwischen Backstage und Bühne. Ein Schwebezustand im Dazwischen

Symbolfotos. Ob Performance oder Lesung: Die letzten Sekunden vor dem Auftritt sind ein ganz besonderer Sweet-Spot.

Show in 15!”

Zwei Arten von Bühne gibt es in meinem Leben. 

Da ist zum einen das High-Energy-Erlebnis eines Aerial-Showcase, ein Vibrieren in der Luft, wummernde Bässe, grelle Lichter, ein wuseliger Backstage, ein aufgestacheltes Publikum, laut, laut, laut, alles laut. Und die langsamer fließende Energie einer Lesung, ein Stuhl, manchmal noch ein Tisch, ein Text, ein still lauschendes Publikum, vielleicht Interaktion im Dialog danach, mit den anderen Lesenden, mit den Zuhörenden.

Bei Ersterem soll etwas klappen, und ich kann nur hoffen, dass ich es gut genug vorbereitet habe, es gibt keinen zweiten Versuch, die Kunst entsteht unter ungezählten Augenpaaren. Nur live ist live. Bei Zweiterem ist die Kunst, die ich zeigen möchte, bereits da, ich halte sie wortwörtlich in meinen Händen, Papier, als ausgedrucktes Din-A4-Blatt oder zwischen zwei Buchdeckeln. Ich kann mich zwar verhaspeln, aber es kann nichts schiefgehen. Doch mit dem Öffnen meines Buches entweicht wortlos eine offene Frage ins Publikum.

Auf beiden Bühnen zeige ich einen Teil meiner selbst, so unterschiedlich und so unterschiedlich entblößend.

Das Dazwischen, die letzten Sekunden vor dem Auftritt, entblößt mich regelmäßig vor mir selbst.

Geliebte Angst

Lampenfieber ist ein Zustand. Und ich liebe ihn. Ungeachtet dessen, dass er sich in Worte wie Nervosität oder gar Angst übersetzen lässt. Ungeachtet dessen, dass er sich in mir drinnen vor den großen, lauten Performances so häufig ebenfalls in Groß und Laut präsentiert, sodass ich manchmal fürchte, eine Zumutung für die Menschen um mich herum zu sein – und dass es gleichzeitig unbemerkt und unbeachtet untergeht. Dabei brauche ich nur jemanden, der mir die Schuhe zubindet (meine Finger haben vergessen, wie das geht) und dessen Hand ich kurz quetschen kann.  

Nach Ritualen oder Techniken fragt Stefanie Liedtke von Music Warriors in der Blogparade, die diesen Beitrag inspiriert hat. Und vielleicht würde das Etablieren von festen Ritualen den Zwischen-Zustand zwischen Backstage und Bühne gesünder für mich machen. Gelungen ist mir das bislang noch nicht. 

„What helps you the most?”, fragt Stefanie außerdem. Anders als bei der Frage nach Ritualen kann ich hier genau beantworten, was das ist: ein Anker in Form eines Menschen. Jemand, der gelassene Sicherheit ausstrahlt. Was ich nicht kann: für die Menschen um mich herum entscheiden, dass sie jetzt gefälligst gelassene Sicherheit auszustrahlen haben – sind sie doch so manches Mal selbst auf Tauchgang durch ihren ganz eigenen Vorher-Zustand.

Singularität und Limbus

Das mag sich alles recht dramatisch anhören. Und ist dennoch beinahe mein liebster Moment eines Auftritts, dieser Limbus hinter der Bühne. „Almost There”, wie der Name des köstlichsten Whiskys, den ich je probiert habe. Der „Point of no Return”, der Sweet-Spot, an dem sich alles verdichtet.  

Bin ich bereit? Kann man das überhaupt sein? Ich habe vorbereitet, was ich konnte, ich habe mich warm gemacht, bin mit Kostüm und Make-up in meine Bühnen-Persona geschlüpft, fast zumindest, ich halte mein Buch in der Hand, die Markierungen an der richtigen Stelle. Noch nicht! Können wir das Karussell kurz anhalten? Der Zeiger tickt unablässig. Halt, nein, wartet kurz! Noch ein Schluck Wasser. Da vorne bereits die Anmoderation. Ich vergesse alles, was ich vorher wusste. Die Zeit macht viele eigenartige Dinge gleichzeitig, läuft rasend schnell und bleibt außerdem vollkommen stehen. Es ist ein Zustand so einhundertprozentig im Jetzt wie kaum ein anderer. 

Ein wenig losgelöst, Tunnelblick.

Vorhang auf. Die Startpose, das Signal. Stage Lights an. Die Musik setzt ein. Es passiert von allein, das Hineingleiten in die Performance, wie ohne bewusstes Zutun von mir. Nur der erste Takt, dann ist der Schwebezustand des Dazwischen vorbei.

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