Bury Our Bones in the Midnight Soil, Everybody Scream und die Verflechtung von allem

Bury Our Bones in the Midnight Soil & Everybody Scream, V. E. Schwab & Florence Welch, Bücher & Musik und die Verflechtung von allem

Als jemand, der unter anderem Worte zum Medium der eigenen Kunst erkoren hat, stehe ich dennoch allzu oft sprachlos da im Angesicht von Dingen, die ich nur zu gerne in Worte fassen würde. Das vorgestrige Konzert-Erlebnis zum Beispiel. Eigentlich wollte ich diesen Beitrag mit glühenden Worten zur „Everybody Scream”-Tour von Florence + The Machine einleiten, die ich live in der Olympiahalle in München erleben durfte. Und dann denke ich an das Herzklopfen, das Kribbeln vom Bauch bis in die Fingerspitzen, den Rausch, die Energie, die Atemlosigkeit angesichts der schieren Kraft dessen, was da durch die Halle pulsierte. Und kann es einfach nicht. Worte finden, die dem gerecht werden. 

Musik genießen ist eine Sache, spüren, wie Inspiration rauschhaft durch die eigenen Adern strömt und ein Erlebnis noch tagelang nachglüht, eine andere. Und dann gibt es da noch die Verflechtung von allem. Von Musik und Geschichten. An V. E. Schwabs „Bury Our Bones in the Midnight Soil” muss ich denken, nicht nur ein Mal an diesem Abend. Inspiration zu Büchern. Inspiration zum Tanz. Catharsis on a stage. Inspiration und Verehrung zwischen „den Großen” – und mein eigenes bescheidenes Wirken irgendwo dazwischen, in diesem weiten, großen, wunderschönen Geflecht. Kunst inspiriert Kunst inspiriert Kunst inspiriert Kunst.

„I do have worlds enough and time …”, dichtete Terry Pratchett – und ich schaue auf das Fragezeichen an meinem Unterarm, das Teil des Tattoos mit diesen Worten ist. 

Dieser Beitrag ist weder Buchrezension noch Album-Rezension, er ist kein Konzert-Recap und kein Lesungs-Throwback, und doch ist er alles davon.

Inspiration & Bewunderung auch unter den Großen

Inspiration durch Musik – ich wage einmal zu behaupten, das ist eine Beziehung, so alt wie das Geschichtenerzählen selbst. Und eine Beziehung, die heute so lebendig ist wie nie zuvor. Auch ich zähle Musik zu meinen tiefsten, verlässlichsten Inspirationsquellen, habe meinem Novemberkönig eine ganze Playlist gewidmet.

Und damit bin ich nicht alleine, bei Weitem nicht. Fantasy-Autorin V. E. Schwab, die mich mit ihrem Social-Media-Auftritt schon begeisterte, lang bevor ich das erste Buch von ihr gelesen habe, ist ein so ein Beispiel. Und sie macht auch keinen Hehl daraus – auch nicht aus dieser ganz bestimmten Inspiration hinter diesem ganz bestimmten Buch. Nicht nur beschrieb sie bereits in einem Instagram-Posting im November 2023 den Erstentwurf des entstehenden Buches mit den Worten: „135,000 words, on hunger, immortality, and rage. My Florence + the Machine, my Lesbian ode to Anne Rice, my heart and bones book is down on paper”. (Ich fühle diese Worte sehr, in einem ähnlichen Stil spreche ich selbst über meine eigenen Geschichten.) Sie steht auch in offenen Worten dazu, dass der Charakter Sabine tatsächlich von Florence Welch inspiriert ist – zum Beispiel in diesem Reel, in dem sie eigentlich darüber sinniert, welche Musik ihre Charaktere wohl hören würden.

Und so verwundert der Blick auf die Illustrationen der Künstlerin Abigail Larson zu V. E. Schwabs Buch nicht. Der Charakter Sabine, zu sehen auf zwei der drei Slides, gehüllt in eine Aura düsterer Opulenz, erinnert verdächtig an eine gewisse Londoner Musikerin … V. E. Schwab selbst gibt in einem Kommentar einem Fan die Erlaubnis, sich Sabine beim Lesen ganz wie Florence Welch vorzustellen.

„Bury Our Bones in the Midnight Soil“ und die Hochsommersonne

Die Rede ist natürlich von „Bury Our Bones in the Midnight Soil”. Sapphic, sinnlich, düster. Genussvoll langsam erzählt. Alles an der Ankündigung dieses Werkes zog mich in seinen Bann. Nur zu gerne ließ ich mich davon einfangen, bis ich dem Buch geradezu entgegenfieberte.

Und dann geschah zunächst einmal das Letzte, womit ich bei diesem Buch gerechnet hatte: Ich mochte es nicht. Nicht sofort, und auch nicht nach den ersten 100 Seiten (das Buch steht inzwischen auf meinem Lieblingsbücher-Regalbrett, so stay with me). Anders als beim Vorgänger „The Invisible Life of Addie LaRue”, wo mich der gleiche Stil noch vollkommen in seinen Bann zog, war es hier ausgerechnet der Schreibstil, der es mir schwer machte, ins Buch hineinzufinden. Jeder Satz aufgeladen mit Bedeutung, vibrierend vor Bildhaftigkeit und Tiefe – was mich sonst geradezu magnetisch anzieht, ließ mich hier nur schwerfällig durch die Handlung waten, Seite für Seite. Irgendetwas hielt mich jedoch bei der Stange. Und langsam, ganz langsam nur, fiel das schwerfällige Gefühl von mir ab und ich tauchte tiefer hinein in den Flow dieser Geschichte. Seite für Seite. Venedig. Spätestens ab Venedig!

Am Schluss blieb ich atemlos zurück, in mir pulsierte das Gefühl: Dieses Buch hat nur genau so erzählt sein können! Nicht schneller, nicht weniger bildhaft, nicht leichter verdaulich. Und es hätte nur genau so enden können. So, und nicht anders.

Eine Hundertachtzig-Grad-Wendung mehr als 500 Seiten. Das hat lange kein Buch mehr geschafft. Wieder einmal ein Alleinstellungsmerkmal von V.E. Schwab; ich kann nicht anders als den Hut davor ziehen.

Interlude: Das kleine bisschen Alltagsmagie

Zuende gelesen habe ich „Bury Our Bones in the Midnight Soil” auf der Terrasse, an einem heißen August-Nachmittag, Füße hochgelegt, vor mir auf dem Tisch eine Karaffe mit Zitronen-Minz-Wasser. Eine Atmosphäre, die so gar nicht dem Vibe des Buches entsprach (wobei, flirrende Hitze …?). Nicht immer ist die Realität hundertprozentig „instagrammable”, nicht wahr? Ich wurde ein wenig schläfrig, die Hitze, ließ das Buch kurz sinken und schloss für einen Moment die Augen …

Toxic Lesbian Vampires – Warum V.E. Schwabs Catchphrase einen Nerv trifft

Schon bei ihrer Lesung im Rahmen des Stuttgarter Fantasy-Festivals Dragon Days thematisierte V. E. Schwab ihre Catchphrase für „Bury Our Bones in the Midnight Soil” – ein Begriff, der mehr beinhaltet als nur ein augenzwinkernder Slogan.

Die Phantastik, besonders die Dark Fantasy, liebt Charaktere, die sich in moralischen Grauzonen bewegen. Doch anstatt menschliche Abgründe tatsächlich auszuloten, wird dies nur allzu oft zu Tropes verwässert. „Morally grey characters” oder gar die berüchtigten „Shadow Daddy”s – viele Charaktere hinter diesen Tropes romantisieren das Dunkle in einer Form, die leicht verdaulich ist. Viele Antihelden sind letztendlich nur ein Spiel der Autor:innen mit den Fantasien der Lesenden. Da wird „broody” und leidend in die Ferne gestarrt, jede Interaktion geprägt von schlechter Laune oder schlicht Unverschämtheit, aber letztendlich harmlos, ohne echte Konsequenzen. Romantisierend gar. „I can fix him.” Hach.

V. E. Schwab – die bekannt ist für ihre Antihelden, ihre Bösewichte und teilweise moralisch fragwürdige Entscheidungen ihre Protagonist:innen – sagt in Stuttgart, sie wollte einmal eine Geschichte erkunden, in der sie wirklich durchzieht. In der die Toxizität ihrer Charaktere nicht harmlos und verzeihlich bleibt, sondern tatsächlich, nun ja … toxisch. „Toxic lesbian vampires: What you see is what you get”, sagt sie sinngemäß. Und zwar von allen drei Protagonistinnen. Auch wenn wir vor allem mit Sabine von Seite eins an einen faszinierenden Abstieg ins Villaineske beobachten können, so konsequent, dass es den Atem raubt. Moralisch grau? Am Ende sind da keinerlei Grautöne mehr, keine durch ihre Attraktivität entschuldig-bare Relativierung ihrer Taten.

Nach so vielen Jahren Autorinnenschaft, nach so vielen Büchern fühlte sich V. E. Schwab mit „Bury Our Bones in the Midnight Soil” endlich bereit, diese Charaktere zu schreiben. Nicht nur Charaktere, die ins Dunkle driften, sondern weibliche Charaktere. Queere Charaktere, die gleichzeitig toxisch sind. Eine sehr bewusste Entscheidung für V. E. Schwab, wie sie nicht nur in Stuttgart, sondern auch in zahlreichen Presse-Interviews immer wieder erzählt.

„I wanted to write a queer villain. And for so many years I felt pressured not to do it, lest anyone conflate queerness and villainy. But that’s such a reductive take, because queer characters—and by extension queer people—deserve to be depicted with the same nuance and complexity as their straight counterparts.”

– V. E. Schwab im Interview mit pen.org

„Bury Our Bones in the Midnight Soil” als Befreiungsschlag. Queere Geschichten in jedem Genre, das wünscht sich V. E. Schwab – Geschichten, in denen die Queerness der Charaktere nicht an sich plotrelevant ist, nicht nur auf das Coming-out reduziert wird. Geschichten, in denen queere Charaktere unentschuldigend auch richtig toxisch sein können.

Ist das Buch deswegen weniger Lese-Genuss? Auch dazu hat V. E. Schwab klare Worte:

„I think this is a queer joy book, which is a weirdass thing to say. It’s not a happy book, but it is a queer anthem […] and that’s going to have horror and joy.”

– V. E. Schwab im Interview mit pinknews

The hopes and the horrors, singing Daffodil again […]

Mit „Everybody Scream” veröffentlichte Florence + The Machine das richtige Album zur richtigen Zeit für mich. Erst im gleichen Jahr hatte ich einen Song von ihr in einer Pole-Performance auf die Bühne gebracht und mich in diesem Zuge komplett in ihrer Kunst verloren. Und dann dieses Album. Release-Day: Halloween. Ästhetik und Tonalität: düster, erdig, witchy, tief, tief, tief persönlich. Klar, dass ich mir unbedingt einen Reminder in meinen Kalender speichern musste, um Tickets für die anstehende Tour zum Album zu ergattern. Ein Geburtstagsgeschenk von mir an mich selbst.

Das Konzerterlebnis war dann fast schon das Gegenteil meiner Lese-Erfahrung mit „Bury Our Bones in the Midnight Soil”. Ich rechnete damit, dass es mir gefallen würde, ja – womit ich nicht gerechnet hatte, war, wie sehr. Wie intensiv ich den Abend erleben würde, wie sehr er noch unter meiner Haut nachhallen würde. Tief, tief, tief persönlich.

[Edit: Drei Wochen später kam ich dann auch mal dazu, diesem Konzert-Erlebnis einen eigenen Instagram-Beitrag zu widmen. Wenn dieser Blogbeitrag schon so voller Insta-Snippets ist, warum mein eigenes nicht auch hinzufügen?]

Wenn sich der Kreis schließt

„Has anyone checked if V. E. Schwab is still breathing?” Der Kommentar unter diesem Instagram-Posting bringt es auf den Punkt. War V. E. Schwab über Jahre hinweg inspiriert von Florence Welchs Songs, kulminiert in „Bury Our Bones in the Midnight Soil”, so fand sich das Buch jetzt unter den Lese-Empfehlungen von Florence und ihrem Buchclub „Between Two Books” zur anstehenden Tour.

Musik inspiriert Geschichten. Die Live-Tour einer Band verlangt nach passendem Lesestoff, um das vertraute Gefühl über den Konzertabend hinaus zu erhalten. Eine Form von Magie beflügelt die andere. Kunst inspiriert Kunst inspiriert Kunst. Kein Kreis, sondern eine Spirale. Ein sich endlos verzweigendes Mycel.

Zersetzung & Metamorphose

Und jetzt? Als Leserin, als Hörerin zieht es mich noch tiefer in das Erleben dieser Kunst hinein. Neben der Faszination ist da vor allem ein bestimmtes Gefühl. Inspiration. Was macht das alles mit mir als Autorin? Schreibe ich jetzt mein nächstes Buch über eine Unseelie Queen mit verdächtig kupferrotem Haar? Wird es doch noch einen Take zum Vampirmythos aus der Feder Lily Magdalens geben? Keine der Antworten auf diese Fragen ist ein unmittelbares, inbrünstiges „Ja, unbedingt!” Zu sehr würde es doch nur auf ein bloßes Wiederholen von schon einmal Dagewesenen hinauslaufen. Zu unmittelbar noch der Eindruck durch diese jüngste meiner Obsessionen.

Ich lege es meinem Geiste auf den Kompost, dieses Gefühl – und wer in diesem Wort ein Synonym für „Müll” sieht, hat das Prinzip eines Komposthaufens nicht verstanden. Die Kindheitserinnerungen an den Komposthaufen im Garten: ein fast ehrfürchtiges Gefühl, Blätter & Co. dort abzulegen, wussten wir doch genau: An seinem Fuße wartet fruchtbare Erde für die Beete des nächsten Frühjahrs. Wir geben, der Kompost transformiert, der Kompost gibt zurück.

Es darf reifen, wachsen, dieses Gefühl, das Florence und V.E. Schwab und die Verflechtung von allem in mir gepflanzt haben. Transformiert werden, vielleicht in einer Metamorphose, vielleicht im Zersetztwerden und Neuzusammenfügen. Es darf an den Fäden des unterirdischen Geflechts in meinem Unterbewusstsein weiterwandern, vielleicht an ganz anderer Stelle wieder an die Oberfläche treten. Ich weiß, ich werde seine Spuren in künftigem Schaffen wiederfinden.

Worte sind Magie. Zitat aus: Lily Magdalen, Novemberkönig – Eine Erzählung in sieben Mondphasen, Banner by Seitenwald

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