Schwellenzeit August: Spätsommer, die verdrängte Jahreszeit

Spätsommer: die verdrängte Jahreszeit. Der August als Übergangs-Monat. Seasonal Living, Slow Living

Der August, besonders die zweite August-Hälfte, ist eine eigenartige Zeit. Die Sommer-Fans tun so, als ob der Sommer niemals aufhört, und werden fast sauer, wenn man sie auf das Gegenteil hinweist, die Herbst-Enthusiast:innen schwelgen längst in Pumpkin-Spiced-Latte-Ästhetik. Und natürlich tut der Einzelhandel, der mit dem allgegenwärtigen Push zum Konsum stetig ein bis zwei Jahreszeiten voraus ist, sein Übriges. Spätsommer? Gerne übersehen oder ignoriert.

Haben wir verlernt, Übergänge wahrzunehmen – und als das zu schätzen, was sie sind? Ich weigere mich, bei dieser kollektiven Verdrängung mitzumachen. Zu viel gibt mir das Wahrnehmen der feinen Veränderungen im August. Zu sehr mag ich die Gelegenheit, den Spätsommer als Moment zum Innehalten zu begreifen, zur Entschleunigung. Als ganz eigenständigen Nährboden für eigene Kreativität.

tl:dr – Dieser Beitrag in aller Kürze

Ein extrovertierter, tonangebender Teil der Gesellschaft glorifiziert den Sommer und möchte sein Ende am liebsten hinauszögern; der leise Übergang zwischen den Jahreszeiten, dass auch eine einzelne Jahreszeit mehrere Phasen hat, wird nur allzu leicht verdrängt.

Welche Definitionen von „Sommer” gibt es?
→ kalendarischer Sommer
→ meteorologischer Sommer
→ der Sommer durch die Linse phänologischer Jahreszeiten

Was zeichnet den Spätsommer phänologisch aus? (Beispiele)
→ abgeerntete Getreidefelder
→ späterer Sonnenaufgang, früherer Sonnenuntergang
→ charakteristische Zeigerpflanzen

Impulse für den Taktwechsel zwischen Hochsommer und Spätsommer im August
→ Den August als Schwellen-Monat begreifen, als Gelegenheit zum Innehalten wahrnehmen. Persönliche Rituale finden, die diesen Übergang sanft integrieren.
→ Alles ist stetig im Fluss, und kein krampfhaftes Festhalten an Sommer-Euphorie hält das auf.

Warum Sommer nicht gleich Sommer ist

Der Sommer endet nicht mit einem „Knall”, einem fulminanten Finale, heute noch Sommer, morgen schon Herbst. Heute noch Freibad, Eiscreme, 30°C, Sonnencreme, Wassermelone, eine Farbpalette zwischen leuchtendem Türkis, Sonnengelb und blumigen Pinktönen, morgen Regen, 15°C, Kürbissuppe, eine Farbpalette zwischen Orange, warmem Braun und monochromen Grautönen. Wo bleibt da der Übergang?

Wir wissen natürlich alle, was „der Sommer” ist: die wärmste Jahreszeit in den gemäßigten Breitengraden. Doch auf die Frage, wann er beginnt und endet, gibt es verschiedene Antworten, je nachdem, durch welche Linse man blickt.

Kalendarischer (auch astronomischer) Sommer: auf der Nordhalbkugel vom 20./21. Juni (Tag-Nacht-Gleiche) bis 21. September. Der August ist im Kalender also der letzte volle Sommermonat.

Meteorologischer Sommer (Nordhalbkugel): 1. Juni bis 31. August – eine formelle Festlegung eines Zeitraums, um Meteorolog:innen die einheitliche Auswertung von Wetterdaten zu erleichtern.

Im phänologischen Jahreszeiten-Rad teilen sich üblicherweise zwei Jahreszeiten den August: der Hochsommer in seiner ersten Hälfte, der Spätsommer in der zweiten.

Das kollektive Verdrängen des Übergangs

Ich bin sicherlich nicht die Einzige mit dieser Erfahrung: Wann immer ich auf ein neutral beobachtetes Merkmal des Spätsommers hinweise, geht sofort irgendjemand lautstark in die Defensive: “Neiiinn, so darfst du nicht denken! Der Sommer ist noch nicht vorbei!” Was sie damit meinen: Die schöne Zeit ist noch nicht vorbei. Und merken gar nicht, dass sie ihrem Gegenüber damit eine sehr enge Definition dessen überstülpen, was „die schöne Zeit” überhaupt ist. 

Und wenn die Sommer-Überoptimist:innen dann doch mal ein phänologisches Merkmal des Spätsommers benennen, dann ist es meistens: „Es wird ja schon wieder so früh dunkel!”, entweder im Jammer-Tonfall oder mit schockiertem Unterton. Als wollten sie es am liebsten aufhalten, den natürlichen Lauf der Dinge. (Es wird seit der Sommersonnenwende „wieder früher dunkel”, jeden Tag ein paar Minuten.)

Vom Hochsommer in den Spätsommer und von dort aus in den Frühherbst; das passiert nicht abrupt, dazwischen liegen fließende Übergänge. Und so kann das wertfreie Wahrnehmen des gegenwärtigen Spätsommers eine Übung in radikaler Akzeptanz werden. Annehmen, was ist. Wie es ist. „Alles ist im Fluss” – eine Grundpfeiler des Stoizismus. Und wie man einen Fluss nicht künstlich einfrieren kann, so liegt auch der Verlauf der Jahreszeiten außerhalb der eigenen Kontrolle. Egal, wie gerne man eine davon auch hat.

The art of noticing: Was zeichnet den Spätsommer aus?

Der Spätsommer ist eine Zeit des Dazwischen und gleichzeitig des Sowohl-als-auch, er lädt uns dazu ein, Gegensätze auszuhalten. Während sich der extrovertierte, laute Teil der Gesellschaft sich noch am Hochsommer festklammert, kann man dennoch bereits subtile wie auch deutlich wahrnehmbare Zeichen des Übergangs beobachten.

→ Erster Morgennebel in Senken und Tälern – und strahlender Sonnenschein später am Tag

→ Kühlere Temperaturen am Abend und in der Nacht – Freibadwetter am Nachmittag

→ „Kürzere” Tage, weniger Tageslicht: Die Sonne geht später auf und früher unter

→ Abgeerntete Getreidefelder, braune Erde, goldene Stoppeln

→ Veränderungen im Verhalten der Vögel, Eichhörnchen

In jedem dieser Zeichen liegt nicht nur ein Abschied, sondern auch ein Neubeginn. Und darin liegt, wie ich finde, eine ganz eigene Schönheit.

Die phänologische Jahreszeit Spätsommer und ihre Zeigerpflanzen

In der Phänologie besteht der Jahreskreis in unseren Breitengraden nicht aus vier, sondern aus zehn Jahreszeiten. Phänologie, das ist nichts Esoterisches, sondern beruht ganz im Gegenteil aus bewusstem Wahrnehmen dessen, was in der Natur beobachtbar ist. Der Beginn jeder dieser zehn Jahreszeiten ist weder an ein bestimmtes Datum gebunden noch an eine Mondphase. Es sind sogenannte „Zeigerpflanzen” an denen man erkennen kann, wann aus dem Hochsommer langsam, aber sicher der Spätsommer geworden ist.

In meinem Umfeld ist das vor allem die Fruchtreife der Eberesche, auch als Vogelbeeren bekannt: Die leuchtend roten Fruchtbündel sind kaum zu übersehen. Außerdem sind in der von Streuobstwiesen geprägten Gegend Frühapfel und Frühzwetschge so langsam reif zum Pflücken.

Magie im Spätsommerwind: Impulse für den Taktwechsel

Ich möchte in diesem Beitrag nicht dafür plädieren, den Sommer weniger zu genießen, doch ich beobachte, wie sein lautes Glorifizieren, das in der Gesellschaft allgegenwärtig ist, eng verwandt zu sein scheint mit toxischer Positivität, einer „Good vibes only!”-Mentalität. Den Sommer noch nicht loslassen wollen = Positivität? Den sanften Übergang zwischen den Jahreszeiten wahrnehmen und benennen = Negativität?

Sich dieser Ansicht zu verweigern und nicht auf Teufel komm raus Freude aus jedem Hitzemoment herauszupressen, kann eine Befreiung sein. Der Spätsommer in der zweiten August-Hälfte lädt dazu ein, den Übergang nicht als Verlust von etwas Gutem zu sehen, sondern als Einladung, bewusst innezuhalten. Ein sanfter Taktwechsel findet statt; wer ihn wahrnimmt und den Tanz mitgeht, erlebt weniger Reibung als jene, die krampfhaft „Nein, der Sommer ist noch nicht vorbei!” schreien, weniger Dissonanz zwischen dem Außen und dem Innen.

Wie der Spätsommer gestaltet wird, ist zutiefst individuell. Ein paar Momente und Impulse aus meinem eigenen Erleben möchte ich hier dennoch gerne mitgeben. Als Inspiration, mehr nicht.

Lesen im August

Spätsommer-Lektüre darf das melancholische Spannungsfeld zwischen heißen Sonnenstunden und kühlem Morgen, zwischen Fülle und dem Vorbereiten auf das metaphorische Abendwerden in Worten fühlbar machen.

Spätsommer-Vibe in drei Songs

Playlists können endlos lang sein, und kaum etwas ist so subjektiv wie das Erleben von Musik. Dennoch möchte ich hier drei Songs teilen, die mich wunderbar in der süßen, warmen Melancholie des Spätsommers zerfließen lassem.

Welchen Song spielst du an einem Spätsommertag im August am liebsten an? Teilst du ihn mit mir in den Kommentaren?

Analog kreativ werden im August

Für alle, die malen oder zeichnen:
→ Setz dich in die Natur und nimm die Farben um dich herum wahr – und versuche, sie in einer eigenen Farbpalette in deinem Skizzenblock/-buch wiederzugeben, sei es in Aquarell, Acryl, Buntstiften …

Für alle, die basteln:
→ Was könntest du aus Materialien machen, die du jetzt bei einem Spaziergang sammeln kannst? Eine Collage aus Baumsamen? Lesezeichen aus getrockneten Wiesenblumen?

Für alle, die schreiben:
→ Notiere dir drei Wörter, die du spontan mit dem Spätsommer verbindest. Integriere sie in deine nächste Kurzgeschichte.
→ Eine Seite intuitives Schreiben zu allem, was das Wort „Spätsommer” in dir auslöst

Bonus-Journaling-Frage: Welchen Übergang verdrängst du in deinem eigenen Leben zu gerne?

Seasonal Living im August-Alltag

Was verändert sich in deinem Alltag, wenn du den Spätsommer ganz natürlich integrierst? Ohne den Übergang zu verdrängen, ohne den Hochsommer krampfhaft festzuhalten, ohne bereits den Herbst herbeizubeschwören.

Der Sweet Spot zwischen Whimsy & Dark im Spätsommer

Das neutrale Akzeptieren dessen, was ist, ist nur eine Möglichkeit, dem Spätsommer zu begegnen. Wen das nahende Ende des Sommers nun einmal in Wehmut versetzt, der braucht auch dieses Gefühl nicht krampfhaft zu verdrängen. Ich bin ein großer Fan davon, sich gerade in solche Stimmungen bewusst hineinfallen zu lassen. Ein langsamer Abschied von Vergangenem, zusammen mit der anderen Art von Wärme, die mit kühleren Abenden Einzug hält, das ergibt in der Mischung eine bittersüße Melancholie, eine erste Ahnung des Gefühls der Vergänglichkeit, welches die kommende Jahreszeit prägt.

Und dann wäre da ja noch die versteckte dunkle Ästhetik des Spätsommers. Stürmische Wolkentürme am Himmel, die veränderte Farbpalette eines kühlenden Sonnenuntergangs um zwanzig Uhr. Der Goth-Anteil in mir atmet jedes Mal auf, fühlt sich nicht mehr ganz so verloren.

Lily Magdalen: Novemberkönig – Leseeindruck und Rezension von Mina Bekker. Schwarzromantik, Schauerromantik, Gothic Novel

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